Zugfahren in Indien

Eine Zugfahrt, die ist lustig – heißt es, in Indien in der zweiten Klasse nicht unbedingt… Wir hatten immer Gruppenkuscheln im Mittelgang des Zugs (siehe Bild oben) oder bei unserer längsten Reise auf der Sitzbank: als wir ca. 5 Stunden von Varkala nach Aluva, Richtung Flughafen für den ersten Teil des Heimflugs, den Inlandflug von Kochi Airport nach Chennai unterwegs waren.  Als wir in Varkala in den Zug stiegen, war dieser ganz voll und für ca. ½ Stunde standen wir im Gang. Zuerst passte nur 1 Rucksack auf den Gepäckablage über den Sitzen. Nach ½ Stunde bot ein Inder an, einen Platz auf einem anderen Gepäckablage zu schaffen und rückte die Sachen, die dort neben ihm lagen (er saß auch auf dem Gepäckablage), zusammen. Und dann – hurra! – kam der erste Halt und ein Familienclan neben uns auf der Bank stieg aus und wir rückten schnell nach auf die freiwerdende Bank. Diese hatte offiziell Platz für vier Personen, wir saßen dann mit fünf bis sechs Menschen eng beieinander gedrückt dort. Bei den laufenden Ventilatoren an der Decke und dem Zugwind von den unverglasten Fenstern gab das schön warm! Nach einer Weile packte eine alte Frau gegenüber auf der Bank ihre Idlis mit Soße aus und es entstand wie ein Wunder für ihre Frühstückspause ein Plätzchen, auf dem sie ein Stück Plastik ausbreitete und ihr Frühstück nach indischer Art mit der rechten Hand zusammenmanschte und dann in den Mund schob.

Auf der Gepäckablage über uns tummelten sich zwischen den Gepäckstücken ein paar Halbwüchsige, die immer mal wieder heruntersprangen, und ein paar Männer. Hin und wieder streckten sich über uns ein paar Beine von Gepäckablage zu Gepäckablage, wenn den Passagieren dort oben das Sitzen im Schneidersitz zu unangenehm wurde. Neben uns und gegenüber saßen fünf junge Inder, die sich die ganze Zeit viel zu erzählen hatten und Infos aus ihren Handys miteinander austauschten. Nach zweieinhalb Stunden fielen alle fünf fast synchron in einen tiefen Schlaf, die Köpfe ruhten aneinander und die Arme waren zum Teil ineinander verschlungen.

An den Haltestationen stiegen Händler mit Tee, Kaffee und Essen ein und drängten sich laut rufend durch den Waggon; eine Frau mit Baby stieg zu und sang während der Fahrt ein Lied und klapperte dazu mit einer Art Kastagnetten. Die meisten Reisenden waren jedoch nicht bereit, ihr nach der Vorstellung etwas Geld zu geben.

Wir waren um 7.30 Uhr auf dem Bahnsteig in Varkala gewesen und mussten über eine halbe Stunde auf den verspäteten Zug warten. Je näher wir unserem Ziel kamen, desto länger wurde jedoch die Verspätung. Um die Mittagszeit kehrte wieder schläfrige Ruhe ein und der junge Mann neben Ánatha kippte langsam auf ihre Schulter. Seine Kumpels ermahnten ihn jedoch einstimmig zu dritt, aufzupassen, und in die andere Richtung zu kippen.

Beim Zugfahren in der zweiten Klasse und bereits beim Einsteigen ist immer viel Gedränge, jeder kämpft um einen Platz für sich; wir haben kaum jemanden erlebt, der Frauen oder älteren Männern einen Platz freimachte. Mitgefühl ist Luxus, andererseits, wenn wir jemanden direkt ansprachen und um Hilfe beim Rucksackverstauen baten, wurde das selbstverständlich gemacht.

Das Reisen per Zug in der zweiten Klasse gehört aber nicht zu unserer liebsten Reiseform…

Ein Gedanke zu „Zugfahren in Indien

  1. Atulya

    Liebe Eva, so bin ich schon lange nicht mehr Zug gefahren. Welch ein Vergnügen es zu lesen! So schön beschrieben. Hier ist Zugfahren ja eher langweilig dagegen. Keiner kippt einem auf die Schulter!!

    Antworten

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